Christian Stockmann, sozialfachlicher Vorstand/Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes Arnsberg-Sundern gibt einen Einblick in die aktuelle Herausforderung des Verbandes während der Corona-Pandemie.
Grundsätzlich:
Der Caritasverband Arnsberg-Sundern e.V. ist Träger von unterschiedlichen Einrichtungen und Diensten und begleitet mit rd. 1.400 Mitarbeiter_innen und rd. 600 ehrenamtlich Engagierten fast 7.000 Menschen in unserer Region.
Bis zum Stand jetzt wurden bei uns (Gott sei Dank) keine Corona-Infektion weder bei Bewohnern noch bei Mitarbeiter_innen festgestellt.
Wir stehen aber schon massiv unter Druck, weil wir die uns anvertrauten Menschen und die Kolleg_innen in den Einrichtungen und Diensten schützen wollen. Ich habe aber das Gefühl, dass wir bisher den Umständen entsprechend gut mit der sich dynamisch verändernden Lage und den vielen neuen Anweisungen und Aussagen zur Epidemie umgehen!
"Kampf" um Schutzkleidung und Desinfektionsmittel …:
Immer wieder wird in der Presse berichtet, wie knapp es mit der Schutzausstattung in Deutschland ist. Auf den Regelfall mögen viele vorbereitet sein, aber nicht auf eine Pandemie. Sogar unserer Bundes- bzw. Landesregierung gelingt es nicht, die Ausstattung so zu beschaffen, wie es in der derzeitigen Situation nötig wäre. Es wird von Flugzeugen gesprochen, die auf einmal eine "andere Route" in einen anderen Winkel unserer Welt einschlagen.
Es ist sehr bedrückend, in den Medien oder durch persönliche Gespräche mit involvierten Personen mitzubekommen, welche "Wild West"-Methoden gerade im Kampf um die Schutzausstattung global zu erleben sind. Ich finde dies einer zivilisierten Gesellschaft nicht würdig.
Aus diesem Grund ist der Caritasverband Arnsberg-Sundern besonders froh, über gute Kontakte u.a. zu heimischen Betrieben und zum Senat der Wirtschaft e.V. zu verfügen. Einige Unternehmen vor Ort haben uns Schutzausstattung zur Verfügung gestellt und gespendet. Eine großartige Unterstützung! Die Mitglieder des Senats sind z.B. Persönlichkeiten und Unternehmen, die sich ihrer Verantwortung gegenüber Staat und Gesellschaft besonders bewusst sind und sich für das Gemeinwohl nachhaltig einsetzen wollen. Aufgrund der Corona-Krise hat sich der Senat sehr engagiert in die neue Herausforderung der Beschaffung von Schutzausstattung eingebracht.
Aber unsere Gesellschaft wird nach dieser Herausforderung auch nicht mehr so sein, wie sie bis vor knapp drei Wochen noch war. Die Abhängigkeit bei der Ausstattung und bei Medikamenten vor allem von Märkten aus dem asiatischen Bereich, der Gewinnmaximierung auch deutscher Unternehmen geschuldet, ist ein Übel, das uns jetzt auf die Füße fällt.
Da wir gerade bei der Ökonomisierung sind… Ich habe mich immer schon gefragt, warum unsere Gesellschaft es zulässt, dass unser Sozial- und Gesundheitswesen bis aufs letzte "durchökonomisiert" wird! Wenn immer alles auf Kante genäht ist, dann darf man sich auch nicht wundern, wenn das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommt…
Befinden wir uns stattdessen nicht bei den Pflegeheimen, Seniorenhäusern und den Wohnhäusern für Menschen mit Behinderungen und Handicaps, bei den Krankenhäusern oder in der ambulanten Pflege und in der Tagespflege etc. in einem sehr sensiblen Bereich, der nicht bis ins letzte durchoptimiert werden dürfte?
Ich meine ja. Und mit Blick auf die derzeitige Situation fühle ich mich mehr als bestätigt. Alles wieder auf Beginn wird es nach der Corona-Krise heißen müssen, wenn uns unsere Eltern, Großeltern und die vielen anderen etwas wert sind…
CV-Krisenstab, Notfallpläne und Maßnahmen…:
Der Caritas-Krisenstab des Verbandes, zu Beginn der Corona Krise sofort eingerichtet, begleitet die Kolleg_innen in den Einrichtungen und Diensten durch die herausfordernde Zeit. Er reagiert unverzüglich auf die aktuelle Entwicklung und die Vorgaben z.B. seitens des Robert-Koch-Instituts (RKI) und informiert alle Mitarbeiter_innen im Verband sowie auch die Bewohner_innen und Angehörigen.
So wurden die Bewohner_innen durch den Verband durch die Einrichtungen sowie durch Aushänge und mit (Hygiene-)Handlungsanweisungen vor Ort und die Angehörigen mit Rundschreiben informiert. Ein Pandemie-Plan für den potentiellen Ausbruch einer Infektion liegt mit entsprechenden Anweisungen und Zuständigkeiten für die einzelnen Einrichtungen vor.
Wir haben im Verband grundsätzlich hohe hygienische Standards und orientieren uns u.a. an den Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI), des örtlichen Gesundheitsamtes und der Heimaufsicht sowie der Arbeitsmedizin. Mit der Arbeitsmedizinerin und den örtlichen Behörden gibt es einen sehr regelmäßigen Austausch.
Die Dienste und Einrichtungen unseres Caritasverbandes haben sich zudem frühzeitig auf den Weg gemacht, vorbeugende Maßnahmen zu erarbeiten und einzuführen wie die Benutzung von unterschiedlichen Eingängen für die einzelnen Berufsgruppen in den Seniorenhäusern, um die Kontakte zu reduzieren. Eine "Durchmischung" der einzelnen Wohnbereiche findet z.B. nicht statt.
Wir haben sehr früh Notfallpläne für den Umgang mit Infizierten gemeinsam mit unseren Hygienebeauftragten und Einrichtungsleitungen entwickelt, die permanent an die aktuelle Situation angepasst werden. Darüber hinaus gibt es auch Szenarien in den stationären Einrichtungen für die Versorgung der Bewohner_innen, sollte eine große Anzahl an Mitarbeitenden ausfallen.
Darüber hinaus erfolgen schon seit einiger Zeit keine Neuaufnahmen mehr. Eine mögliche (Notfall-) Neuaufnahme wäre abhängig von einer ärztlichen Bescheinigung, dass keine Infektion vorliegt und aus medizinischen Gründen keine Gefahr für andere Menschen vorliegt.
Außerdem haben wir auch veranlasst, dass es keine Zugänge von externen Personen (wie Handwerkern etc.) gibt. Gleiches gilt auch für Caritas-Mitarbeitende aus anderen Bereichen wie zum Beispiel aus der Verwaltung. Auch diese dürfen die Einrichtungen nicht mehr aufsuchen. Die Nutzung der Mensen in den Einrichtungen ist untersagt.
Auch finden keine Gruppenangebote in den Einrichtungen mehr statt wie Gottesdienste etc. Die seelsorgliche Begleitung, die aufgrund der herausfordernden Situation in unseren Einrichtungen und Diensten sehr nötig ist, findet durch unsere Mitarbeiterinnen ausschließlich durch eine individuelle Begleitung unter Einhaltung der Hygienestandards statt.
In den Einrichtungen selber sind die Wohngruppen so weit voneinander getrennt, das konkrete Zuständigkeiten festgelegt wurden und es keine "Mischung" der einzelnen Gruppen und Funktionsbereiche mehr gibt, um soweit möglich Übertragungswege zu reduzieren.
Fachbereichs- und verbandsübergreifende Kommunikation findet ausschließlich per Telefon- oder Videokonferenz statt. Soweit möglich sind alle Arbeitsplätze im Home-Office. Viele Arbeitsprozesse, vor allem in der Verwaltung, werden derzeit digital abgebildet. Die Digitalisierung erfährt gerade einen Schub, wie er noch nie dagewesen ist.
Trotz Besuchsverbote in den Einrichtungen Einsamkeitsgefühle begrenzen und soziale Kontakte sicherstellen…:
Unser Caritasverband hat recht zügig die soziale (d.h. physische) Distanz im Verband und den Einrichtungen und Diensten eingeführt. Bereits vor Ausrufen der Corona-Pandemie durch das Robert-Koch-Institut (RKI) haben wir im Verband darauf hingewiesen, dass eine soziale Distanz einzuhalten und z.B. höflich auf das Handgeben verzichtet werden sollte. Schon zu einer Zeit, wo wir noch für diese Vorsicht belächelt wurden.
Des Weiteren haben wir sehr früh Besuchseinschränkungen in den Senioren- und Wohnhäusern sowie Wohngemeinschaften ausgesprochen und am Tag der Empfehlung des RKI unverzüglich sogar ein rigoroses Besuchsverbot für unsere Einrichtungen erklärt. Wohl wissend, dass dies auch eine sehr schwierige Situation für die Bewohner_innen und Angehörigen ist und nicht leichtfertig ausgesprochen werden darf. Wir sind froh, dass wir hier auf ein großes Verständnis auch bei den Angehörigen gestoßen sind, obwohl sie uns schon mitgeteilt haben, wie schwer diese Situation auszuhalten ist.
Um die Einsamkeitsgefühle der Bewohner_innen zu begrenzen, geht jedes Haus sehr individuell auf ihre Wünsche und die der Angehörigen ein. So werden beispielsweise während der Verwaltungsöffnungszeiten Päckchen von Angehörigen angenommen, die anschließend an die Bewohner_innen weitergereicht werden und das Betreuungsprogramm in den einzelnen Bereichen und die Einzelangebote in den Zimmern wurden verstärkt.
Einen hohen Stellenwert in den Einrichtungen hat zudem auch die seelsorgliche Begleitung. Dadurch, dass wir in den Einrichtungen auch seelsorgliche Begleiterinnen haben, die auch die Beauftragung zur Wortgottesdienstleiterin haben, lässt sich in diesem Bereich viel umsetzen. Auch mit den Kirchengemeinden sind "Open-Air Gottesdienste" in Planung, an denen die Bewohner_innen über ihre Balkone oder Fenster teilnehmen können.
Darüber hinaus sorgen die vielen "Geschenke" wie gemalte Bilder, bemalte Steine, Briefe von Kindern oder Aufnahmen von Liedern, die von Kindern aus dem Kindergarten gesungen und an die Häuser dann per USB-Stick zugesandt wurden, für viel Gesprächsstoff bei den Bewohnern_innen.
Um die sozialen Kontakte auch weiterhin aufrecht zu erhalten, haben wir bei Bedarf entsprechende digitale Unterstützung (Skype etc.) angeboten und die Einrichtungen mit Technik ausgestattet, sofern sie noch nicht ausreichend vorhanden war. So können unsere Einrichtungen zu den üblichen Telefonkontakten auch beispielsweise FaceTime oder Skype etc. anbieten. Sollte es aus gesundheitlichen Gründen den Bewohnern nicht möglich sein, über diesen Weg mit den Angehörigen zu kommunizieren, geschieht dies über das Pflege- und Betreuungspersonal.
Ebenso gibt es zum Beispiel die Möglichkeit für die Angehörigen, einen USB-Stick abzugeben, welcher dann bei dem betreffenden Bewohner über ein entsprechendes Gerät abgespielt werden kann.
So ist es uns möglich, durch die digitale und technische Unterstützung die Einsamkeit der Bewohner_innen und den Trennungsschmerz von den Angehörigen zu einem Teil auch zu kompensieren.
Auswirkungen in der Gesellschaft…:
Leider gab es zu Beginn der Corona-Pandemie eine kurze Sequenz, dass aufgrund der Verängstigung und Sorge der Menschen in der Bevölkerung auch eine unspezifische Gereiztheit entstand. Aus diesem Grund wurden zu unserem großen Bedauern auch unsere engagierten Pflegekräfte in der ambulanten Pflege angepöbelt und als "Virenschleudern" beleidigt. Wir haben in der Öffentlichkeit darauf hingewiesen u.a. mit Beiträgen in der Presse, die wachgerüttelt haben! Daraufhin bekamen wir viele Solidaritätserklärungen für unsere Arbeit in der herausfordernden Zeit. Das hat mich sehr für die engagierten Kolleginnen und Kollegen gefreut, die wirklich jeden Tag ihr Bestes geben.
Heute in der Corona-Krise werden die Kolleg_innen von den einen "systemrelevant" und im Behördendeutsch formal als "Personenkreis der kritischen Infrastruktur Tätigen" oder auch kurz und knapp "Schlüsselpersonen" oder einfach "Alltagshelden" genannt. Diese Begriffe bringen es auf den Punkt, diese engagierten Kolleg_innen haben eine große Relevanz für unsere Gesellschaft. Nur, sie waren aber auch schon immer klasse, engagiert und für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung, nicht erst jetzt. Unser Staat und die gesamte Gesellschaft sollten dies auch nach der Corona-Krise nicht in Vergessenheit geraten lassen!
Trotz dieser herausfordernden Zeit haben wir immer noch eine positive Grundhaltung und eine hohe Motivation in den Einrichtungen und Diensten unseres Caritasverbands. Die Kolleg_innen sind klasse, ich bin sehr stolz auf ihr Engagement, genau jetzt für die Menschen da zu sein und die Versorgung sicherzustellen.
Der Caritasverband und die Öffentlichkeitsarbeit
Von Beginn an haben wir als Verband intern und extern immer darauf hingewiesen, dass die Corona-Krise ernst zu nehmen ist und nicht verharmlost werden darf. Nicht nur im Hinblick auf unsere Caritas-Einrichtungen und Dienste, sondern auch auf die Gesellschaft in Arnsberg und Sundern, gerade auch mit dem Blick auf die Risikogruppen.
Wir wollen die Gesellschaft soweit es uns möglich ist gut informieren, über wichtige Entwicklungen auf dem Laufenden halten und in der herausfordernden Zeit sensibilisieren, aber auch Mut aussprechen.
Aus diesem Grund haben wir uns als Verband auch in der Öffentlichkeit geäußert und zur Solidarität für die Risikogruppen aufgerufen und an die Bevölkerung appelliert, die soziale (d.h. physische) Distanz auch tatsächlich einzuhalten.
Wir stehen alle zusammen in der Herausforderung, uns genau um die Risikogruppen zu kümmern, die geschützt werden müssen.
Fazit…:
Ich würde mir wünschen, dass ich versprechen könnte, bei uns passiert nichts. Diese Sicherheit kann aber niemand geben. Wir werden und wollen aber alles Menschenmögliche tun und alle fachlichen Ratschläge aufgreifen und arbeiten dazu auf Grundlage der Empfehlung des RKI und setzen diese konsequent um.
Vor Ort in unserem Kreis und unseren Kommunen arbeiten wir zudem eng mit den Bürgermeistern und den entsprechenden Behörden zusammen und stimmen alle entscheidenden Schritte miteinander ab, um die uns anvertrauten Menschen durch diese schwierige Zeit zu begleiten und die entscheidenden Maßnahmen umzusetzen.
Wir alle müssen sehr umsichtig handeln, die Situation ernst nehmen, aber gleichzeitig auch keine Panik schüren und beruhigend auf die Gesellschaft einwirken.
Die Erfahrungen aus dieser Corona-Krise werden auch Auswirkungen auf die zukünftige Entwicklung unserer Gesellschaft und des Sozial- und Gesundheitswesens haben. Ein weiter so wie bisher wird es nicht geben können. Da bin ich mir ziemlich sicher. Und wir als Caritasverband werden diese Diskussion auch aktiv aufgreifen und uns einbringen müssen! Neben gesellschaftspolitischen Aspekten werden zudem auch ethische Fragestellungen auftauchen, die es zu beantworten gilt.
Neben den "unschönen" Botschaften gibt es erfreulicherweise aber auch sehr viel Motivierendes in diesen Tagen. Weil die Gesundheit über allem steht, ist jetzt Solidarität im Kleinen wie im Großen spürbar. Vielen Dank deshalb allen für die vielen freundlichen Rückmeldungen und für die großartige Unterstützung.
Wir werden uns als Caritasverband um die uns anvertrauten Menschen weiterhin mit Sachverstand und großem Herzen kümmern!!
Corona schlagen wir nur im Team!
Passen Sie auf sich auf und bleiben gesund!
Arnsberg/Sundern, 09.04.2020
Christian Stockmann
